Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 731

Gewerbetätigkeit der Eingeborenen. Gewerbe im Sinne einer regelmäßigen auf Erwerb gerichteten Beschäftigung tritt bei den Naturvölkern hinter die Tätigkeit der Nahrungsgewinnung (Jagd, Fischerei, Landbau, Viehzucht) zurück, findet sich dagegen überall als Bearbeitung von Rohstoffen. Seine Formen hat K. Bücher festgestellt:
a) Hauswerk ist gewerbliche Produktion im Hause für das Haus aus selbst erzeugten Rohstoffen; schon hierbei ist die Produktion der Regel nach durch scharfe Arbeitstrennung gekennzeichnet (s. Arbeitsweise der Naturvölker).
b) Wendet sich eine soziale Gruppe einem bestimmten Gewerbe zu, so entsteht das Stammes- oder Ortsgewerbe. Lokale Vorzüge, wie das Vorkommen von bestimmten Nutzpflanzen, Eisen, Salz, Töpferton usw., führen zur Ausbildung eines Gewerbes, das von einzelnen Familien, dem ganzen Stamme oder der ganzen Dorfschaft ausgeübt wird; die Erzeugnisse werden mit den Nachbarn ausgetauscht, die ihrerseits andere Gewerbe besonders pflegen können. Bei den Hottentotten finden sich die Stammesnamen "Schneider" und "Gerber", bei den Fulbe "Eisenarbeiter", "Jäger", "Fischer". Den lokalisierten Gewerben stehen die der unsteten Völker gegenüber, wie Jagd, Tanz und Musik, Zauberei, aber auch Gerberei und Schmiedekunst. In Gebieten höherer Kultur finden sich endlich Kolonien stammesfremder Gewerbetreibender, so Araber im Sudan als Schuster und Lederarbeiter oder in Bagirmi und Wadai die von den Sultanen absichtlich aus Bornu verpflanzten Kanurihandwerker. Diesen beiden Formen steht die G. einzelner gegenüber:
c) Beim Lohnwerk hat der Gewerbetreibende nichts mit der Urproduktion zu tun; er besitzt das Handwerkszeug und erhält die Rohstoffe von dem Arbeitgeber. Die Arbeit selbst kann er auf Stör (gegen Wohnung und Kost im Hause des Arbeitgebers) oder als Heimwerk im eigenen Hause gegen Lohn fertigen. Diese Form der G. ist vielfach auf die Ausbesserung von Geräten, Waffen usw. beschränkt, findet sich aber auch z.B. in der sudanischen Färberei.
d) Besitzt dagegen der Gewerbetreibende alle Betriebsmittel und erzeugt er dabei Tauschwerte für Verbraucher, die seinem Hause nicht angehören, so treibt er Handwerk im engeren Sinne (Preiswerk). - Während in Ozeanien das Hauswerk weit überwiegt, daneben aus örtlichen Gründen Ortsgewerbe bestehen, Lohnwerk z.B. beim Hausbau nicht selten ist, fehlt das eigentliche Handwerk nahezu vollständig. In Afrika ist zwar das Hauswerk gleichfalls stark entwickelt, natürlich auch das Ortsgewerbe, zu dem hier auch das Stammesgewerbe kommt, dafür tritt aber das Lohnwerk sehr zurück und das Handwerk in den Vordergrund, das die Neigung hat, unmittelbar aus dem Hauswerk hervorzugehen. Nahezu jedes Gewerbe kann in einer der erwähnten Formen ausgeübt werden (s. Eisenindustrie). Bestimmte Gewerbe werden von Männern, andere von Frauen betrieben (s. Arbeitsweise der Naturvölker), doch ist die Frau anscheinend überall nur Hauswerkerin. Auch Kinder werden herangezogen, z.B. zur Gewinnung von Eisenerz; Matten- und Korbflechten oder die Verzierung der Eisenwaffen ist stellenweise das Gewerbe der Greise. - Die von Bücher aufgestellten Stufen bezeichnen ausgeprägte Formen; zahlreich sind indessen auch Zwischen- und Mischformen, so daß im Einzelfalle die Zuweisung schwer sein kann. Auf dem Gebiete der G. wiederholt sich damit die Schwierigkeit, die zahlreichen und flüssigen Einzelerscheinungen primitiver Kultur in ein System und mit europäischen Begriffen in Einklang zu bringen. Zunächst können verschiedene Gewerbe an ein und demselben Orte als Hauswerk, Familiengewerbe als Stammesgewerbe Ortsfremder und als Handwerk vorkommen. Außerdem aber differenziert sich z.B. das Hauswerk. Die Weberei ist bei Tete am Sambesi Hauswerk der Männer und zum Teil auch der Frauen; will man aber ein besonders feines Gewebe haben, so wendet man sich an einen bestimmten Weber. Dieser für Afrika typische Zustand zeigt ein Gewerbe gleichzeitig als "Gemeingewerbe" und als "Feingewerbe" (Schurtz). Auch in Ozeanien scheint er nicht selten zu sein. Aus ihm kann ein Familiengewerbe oder auch das Handwerk hervorgehen. - Eigentümlich ist der Zusammenhang zwischen G. und Gesellschaftsordnung. Wird ein Gewerbe von Stammesfremden oder von einer unterworfenen Bevölkerung ausgeübt, so ist deren niedere Stellung verständlich, die später auf das Gewerbe als solches übergehen kann, auch wenn der Gegensatz zwischen Fremden und Einheimischen längst verwischt ist. Aber unabhängig hiervon kann anscheinend auch das Gewerbe selbst verschieden beurteilt werden und die Stellung des Gewerbetreibenden bestimmen: Die hellfarbigen Nomaden achten wie jede so auch die Arbeit des Schmiedes gering, die einzelne Neger wieder so hoch schätzen, daß selbst der Häuptling sie betreibt. Andererseits erfreut sich das Kunsthandwerk allgemeiner Schätzung, doch ist es hier das einzelne Individuum, nicht das Gewerbe, das sozial anerkannt wird; auch der Wert des Materials kann von Einfluß sein, denn der Schmied, der gleichzeitig Gold verarbeitet oder etwa Schießpulver anfertigt, steht hoch im Ansehen. - Bei der völligen Durchdringung des Lebens mit zauberischen und religiösen Vorstellungen ist auch die G. mit ihnen verknüpft. Jedes Gewerbe hat besondere Kunstgriffe, die in der Familie vererbt oder den Lehrlingen mitgeteilt werden. Man um gibt sie mit Geheimnissen und zauberischen Beziehungen: Bei den Ewe ist die Schmiedekunst Familiengut. Widmet sich ihr ein Fremder, so wird er sterben, denn der Schmiedehammer ist eine Gottheit und kann solche Pfuscharbeit nicht ansehen. Erreicht wird durch solche Geheimnistuerei die Absonderung der Gewerbetreibenden von den übrigen Stammesgenossen, die ihnen je nachdem mit Furcht, Verachtung, Anerkennung und Wertschätzung begegnen. - In höheren staatlichen Organismen, in denen das Handwerk stark ausgebildet ist, führt die gleiche Tätigkeit ebenso wie der Besitz der gleichen Geheimnisse zum Zusammenschluß, so daß feste Gruppen der einzelnen Gewerbe entstehen, die man Zünfte nennen könnte und die einen oder den anderen Zweig geradezu monopolisieren können. Alles dies wirkt auch auf die soziale Stellung der Gewerbetreibenden zurück, die endlich auch von dem Verhalten der Großhäuptlinge abhängt. Tüchtige Handwerker oder Vertreter eines Gewerbes werden zu Mitgliedern des Kronrates, wenn nicht der Sultan bestimmte Hofbeamte zu Vertretern der einzelnen Gewerbe ernennt (Sudan).

Literatur: K. Bücher, Die Entstehung der Volkswirtschaft. Tübing. 1908. - Ders., Arbeit und Rhythmus. Lpz. 1902. - H. Schurtz, Das afrikanische Gewerbe. Lpz. 1900.

Thilenius.