Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 682 f.

Gefängniswesen. Zur Vollstreckung von Freiheitsstrafen sowie der Untersuchungshaft sind in den Schutzgebieten Gefängnisse für Weiße und Eingeborene eingerichtet. Doch werden darin in allen Schutzgebieten, mit Ausnahme Deutsch -Südwestafrikas, an Weißen regelmäßig nur Haftstrafen und Gefängnisstrafen von geringerer Dauer (etwa bis zu sechs Monaten) vollstreckt, während längere Gefängnisstrafen sowie Zuchthausstrafen in der Heimat zur Vollstreckung gelangen (Bestimmungen des RK. über das Verfahren der Ablieferung der von den Ksl. Gerichten in den Schutzgebieten Afrikas und der Südsee zu Freiheitsstrafen Verurteilten nach Preußen vom 17. Juni 1912, KolBl. 1913 S. 302). Für Deutsch-Südwestafrika ist durch Vf. des Gouverneurs, betr. den Vollzug von Freiheitsstrafen der bürgerlichen Gerichte, vom 14. April 1913, angeordnet worden, daß alle Freiheitsstrafen im Schutzgebiete zu vollstrecken sind. Eine Überführung nach Deutschland darf nur beim Vorliegen besonderer Umstände und mit Genehmigung des Gouverneurs stattfinden. Während in den Gefängnissen in Windhuk und Swakopmund Freiheitsstrafen von jeder Dauer vollstreckt werden können, dürfen in Lüderitzbucht Strafen bis zur Dauer von 12, in Keetmanshoop von 6 und in Omaruru von 3 Monaten verbüßt werden. Personen, die eine längere Strafe abzubüßen haben, sind in das Gefängnis zu Windhuk zu überführen. Eine Verlegung des Gefangenen nach Swakopmund kann erfolgen, wenn das Höhenklima Windhuks seiner Gesundheit nachteilig ist. Die Gefängnisse sind in Deutsch-Südwestafrika den Bezirksamtmännern, in den übrigen Schutzgebieten den Bezirksrichtern unterstellt. Soweit in den einzelnen Schutzgebieten Gefängnisordnungen erlassen sind, schließen sie sich - unter Berücksichtigung der besonderen Verhältnisse in den Schutzgebieten der preußischen an (z.B. für Deutsch-Südwestafrika, Reglement, betr. das gegen weiße Gefangene zu beobachtende Verfahren und ihre Behandlung in den Gefängnissen, aus dem Jahre 1900, KolGG. V S. 183; für Samoa: Gefängnisordnung [für Weiße und Eingeborene] vom 5. Dez. 1908/12. Aug. 1909, GouvBl. Bd. III Nr. 71/83; für Deutsch- Neuguinea: Gefängnisordnung für das Europäergefängnis in Rabaul vom 15. Juli 1911, Amtsbl. Nr. 16. Die durch Beschluß des Bundesrats vom 28. Okt. 1897, RZBI. S. 308, genehmigten Grundsätze, welche bei dem Vollzuge gerichtlich erkannter Freiheitsstrafen zur Anwendung kommen, haben für die Schutzgebiete keine Geltung. Die Vollstreckung der gegen Eingeborene zulässigen Freiheitsstrafen, d. i. Gefängnis mit Zwangsarbeit und Kettenhaft, erfolgt in geeigneten Räumlichkeiten nach Maßgabe der hierüber in den einzelnen Schutzgebieten ergangenen Vorschriften (z.B. für Kamerun: Dienstanweisung, betr. die Vollstreckung von Freiheitsstrafen an Eingeborenen, vom 27. Sept. 1911/10. Mai 1912; für Togo: Gefängnisdisziplinarordnung vom 13. Juli 1909, Amtsbl. S. 206). - Vereine, die, nach dem Vorbild der in der Heimat bestehenden, sich die Fürsorge für entlassene Sträflinge angelegen sein lassen, haben sich in den Schutzgebieten bisher nicht gebildet.

Gerstmeyer.