Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 608

Fette und fette Öle sind für die Ernährung und die Technik von größter Bedeutung. Sie werden sowohl im pflanzlichen als auch im tierischen Organismus gebildet und gehören mit dem Eiweiß und den Kohlehydraten (Stärke, Zucker usw.) zu den wichtigsten Reserve- und Nährstoffen der lebenden Organismen. Die Pflanze sammelt die F. in erster Linie in ihren Samen an, in. geringerem Umfange auch in unterirdischen Organen (Knollen, Wurzeln). Daher sind auch Samen und Früchte die wichtigsten Quellen für die F.gewinnung. , Manche Früchte, wie die verschiedener Nüsse und die Mandeln, werden schon roh genossen und wegen ihrer Nahrhaftigkeit empfohlen. - Die F. sind Verbindungen des Glyzerins mit verschiedenen F.säuren und je nach den Eigenschaften dieser Säuren fest, butterartig oder flüssig. So ist z.B. die Palmitinsäure, eine feste F.säure, erst bei 62° C, die Ölsäure aber bei gewöhnlicher Temperatur flüssig. Die meisten F. bestehen nun aus verschiedenen F.säuren. Je nachdem die festen, Säuren die flüssigen überwiegen, haben wir es mit F. von fester Konsistenz oder beim Überwiegen der flüssigen Säuren mit flüssigen F. oder ö. zu tun. - Die aus den pflanzlichen Rohstoffen gewonnenen.und gereinigten F. werden nun entweder direkt als Speise - F., wie Olivenöl oder Kokosbutter, verwendet oder dienen nach Abspaltung des Glyzerins zur Herstellung von Seifen und Kerzen. - Andere F. finden, wie das Leinöl, ausgedehnte technische Verwendung. -Während bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts allein die flüssigen F. einheimischer Pflanzen, wie Rüböl, Sonnenblumenöl u.a., sowie das Olivenöl, als Nahrungsmittel Verwendung fanden, sind seit dieser Zeit die Ö. mehrerer tropischer Nutzpflanzen zunächst als Konkurrenten aufgetreten, haben sich heute den größten Teil des Marktes erobert und die einheimischen Ö. fast vollständig verdrängt. Zu nennen sind hier die Erdnuß, die Sesam- und die Baumwollsaat (s. Sesam und Baumwolle). Erdnuß und Sesam sind alte Kulturpflanzen. Ihre Ö. sind allmählich zu einem unentbehrlichen Ersatz des Olivenöls als Tafelöl geworden und werden außerdem noch in großen Mengen in der Margarinefabrikation verwendet. Die deutsche Industrie importierte 1912 etwa 50 000 t Erdnüsse im Werte von 14 Mill. M und nahezu 40 000 t Sesam für 22 Mill. M. Dazu kam mit der Entwicklung des Baumwollbaues in den Vereinigten Staaten im Laufe des vorigen Jahrhunderts das Öl der Baumwollsamen, das ebenfalls i n seinen besseren Qualitäten als Olivenölersatz und zur Herstellung von Speisefetten herangezogen wurde. Während bis vor kurzem das Baumwollsaatöl allein in den Vereinigten Staaten gewonnen wurde, hat die deutsche Industrie heute auch diesen Rohstoff aufgenommen und verarbeitet in erster Linie ägyptisches Saatgut und die, bisherigen Erträge -der deutschen Kolonien. Erwähnt sei noch der Same des Talerkürbis, Telfairia pedata, dem jeder in Ostafrika auf den Märkten unter dem Namen Kwemme begegnet. Die Samen haben ungefähr die Größe und Stärke einer Taschenuhr und sind von einer starken, faserigen Schale eingehüllt. Sie stammen aus mächtigen, fast einen halben Meter langen und ca. 25 cm starken Früchten und werden wegen des schmackhaften Kernes wie Mandeln gegessen. Alle Versuche, diese in reichlichen Mengen vorkommenden und leicht kultivierbaren Samen der europäischen Industrie zuzuführen, sind bis jetzt an der Schwierigkeit, die Samen zu schälen, gescheitert. In Kamerun wächst eine verwandte Art mit glatten Samen. - Unter den festen Pflanzen - F., die in großem Umfange zur Herstellung von Pflanzenbutter und Margarine gebraucht werden, steht das F. der Kokospalme (s.d.) und die Kerne der Ölpalme (s.d.) an erster Stelle. Während sie früher ausschließlich in der Seifenfabrikation Verwendung fanden, haben dort andere Rohstoffe, besonders die künstlich gehärteten Trane, ihren Platz z.T. eingenommen. - Der große Bedarf an Rohmaterial für Kunstspeisefette hat zur Herbeischaffung weiterer Ölfrüchte geführt. Man hat da zunächst zu denjenigen Ölfrüchten gegriffen, von denen bekannt ist, daß die Eingeborenen sie zur Speisefettbereitung benutzen. Im Hinterlande von Oberguinea, also auch im Innern Togos und im Norden von Kamerun, ist der Schinußbaum (Butyrospormum Parkii) der Lieferant der Schibutter (s. Schibaum). Von Kamerun bis nach Angola liefern die Samen des Njabibaumes (Mimusop djave, s. Njabi) den Negern ebenfalls das Rohmaterial zur Speisefettbereitung. Auch in Indien bereiten die Eingeborenen aus den Samen verwandter Bäume, Bassia spec., die Mowrah- und die Illipe-Butter. Alle diese Samen sind zunächst versuchsweise von der europäischen Industrie aufgenommen worden und haben namentlich in England und in Holland bereits einen festen Markt gewonnen. Wenn auch bekannt ist, daß diese F. von den Eingeborenen genossen werden, so bot ihre Verwendung in der europäischen Industrie einige Schwierigkeiten, da die Samen giftig wirkende Bestandteile enthalten. Es scheint aber möglich zu sein und wird durch die Verwendung bei den Eingeborenen bestätigt, die F. ohne diese Anteile gewinnen zu können. Als Nachteil aber bleibt bestehen, daß die Rückstände der ölgewinnung als Viehfutter so ohne weiteres nicht verwendet werden können. - Zu diesen neuerdings mehr oder weniger eingeführten Ölfrüchten kommen noch eine ganze Reihe aus allen tropischen Gebieten der Erde hinzu, die ver suchsweise zur Deckung des steigenden Bedarfes herangebracht werden. Ihre Zahl ist aber so groß und ihre Verwendungsmöglichkeit noch so unsicher, daß ihre Aufzählung hier zu weit führen würde. Die Schwierigkeit liegt bei weitem nicht immer in der technischen Ausnutzung, denn die Chemie und Technik der Öle sind heute so hoch entwickelt, daß die Gewinnung brauchbarer F. meist möglich sein wird. Weit schwieriger ist es aber, von den neu angebotenen, wohl immer wild gesammelten Rohstoffen regelmäßig die nötigen Mengen, die nach Tonnen und nicht nach Kilogramm zu bemessen sind, herbeizuschaffen. Zur Seifenfabrikation werden die heute ihres Fettgehaltes wegen schon vielfach benutzten Fettmuskatnüsse verwandt. Diese stammen von verschiedenen Myristicaceengattungen, die in Südasien, West- und Zentralafrika sowie in Zentralamerika zuhause sind. Am wichtigsten ist wohl Virola surinamensis. Es ist dieses ein hoher Baum, der im Amazonasgebiet wie in Guiana vorkommt und auch in den Antillen bis Martinique gefunden wird. Die fast runden Samen sind ziemlich klein und haben einen Durchmesser von nur 15 mm. Die große Zahl derselben und der Umstand, daß der Baum in Beständen auftritt, erleichtert das Sammeln und macht ihn exportfähig. Während früher das Fett an Ort und Stelle ausgepreßt wurde und dieses einen wichtigen Handelsartikel darstellte, werden die Samen in letzter Zeit schon viel in der dünnen Samenschale expordiert und haben auch in Deutschland Eingang gefunden. Neuerdings kommen auch die Samen des westafrikanischen Pycnenthus Kombo herein.

Voigt.