Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 577 f.

Erwerbsgesellschaften. Hierher gehören alle auf wirtschaftlichen Erwerb gerichteten Gssellschaften. Nach der Art der Gesellschaftsform sind zu unterscheiden: Kolonialgesellschaften (s.d.), Aktiengesellschaften und Gesellschaften mit beschränkter Haftpflicht, die namentlich seit. dem Jahre 1908/09 in Deutsch - Südwestafrika in großer Zahl als Diamantgesellschaften gegründet worden sind. Ferner finden wir in den Kolonien neben den offenen Handelsgesellschaften und den Genossenschaften noch die Rechtsform der englischen Limited, namentlich in Deutsch -Südwestafrika und in Deutsch-Ostafrika, vertreten. Durch die Neuerwerbungen in Kamerun kommen hierzu noch die Compagnies francaises und die Sociétés anonymes. Nach der Art ihres Betriebes treten hauptsächlich hervor Gesellschaften, die sich mit dem Bau und Betrieb von Eisenbahnen, mit Bankgeschäften und Handelsgeschäften befassen, solche, die sich der Landwirtschaft oder Plantagenwirtschaft und dem Bergbau widmen, ferner Schiffahrtsgesellschaften und endlich Gesellschaften mit gemischtem Betrieb. Die Form der Kolonialgesellschaft ist bevorzugt im Bankbetrieb, bei den Eisenbahnbau-, Bergbau- und denjenigen Gesellschaften, die überwiegend Handelsgeschäfte treiben, während die Unternehmungen landwirtschaftlichen und gemischten Charakters sich annähernd in gleicher Zahl der Form der Kolonialgesellschaft und der Aktiengesellschaft sowie der G.m.b.H. bedienen. Die Diamantengesellschaften sind überwiegend G.m.b.H. Über die Rentabilität der kolonialen E. läßt sich ein vollständiges Bild nicht geben. Bei allen Aufstellungen hierüber ist zu berücksichtigen, daß die meisten Gesellschaften, die G.m.b.H. usw., eine Verpflichtung zu öffentlicher Rechnungslegung, sofern sie sich nicht mit Bankgeschäften befassen, nicht haben. Von den übrigen Erwerbsgesellschaften entfällt ein nicht unbeträchtlicher Teil auf solche, die sich noch im Stadium der Entwickelung zur Rentabilität befinden. Das Verhältnis der rentablen Unternehmungen zu den unrentablen wird deshalb mit dem fortschreitenden wirtschaftlichen Aufschwung der Schutzgebiete günstiger. Nach der Art der Unternehmungen läßt sich feststellen, daß z. Zt. rentabel sind: von Banken 85 %, von Schiffahrtsgesellschaften 92 %, von Verkehrsgesellschaften 63 %, von Bergbaugesellschaften 67 %, von Pflanzungsgesellschaften 32 %, von Handelsgesellschaften (gemischte Betriebe) 35 %, und von Diamantengesellschaften 50 %. Von dem gesamten investierten Gesellschaftskapital sind 52,4 % rentabel, 18,4 % unrentabel. Bei 28,4 %, ist die Rentabilität unbekannt, während die Liquidationssumme, in Deutsch-Südwestafrika 0,8 % beträgt. - Stellt man lediglich das Nominalkapital der in Gesellschaftsform arbeitenden Unternehmungen für das Jahr 1912 zusammen, so ergibt sich, daß das Kapital insgesamt ca. 500 Mill. M beträgt. Diese Summe verteilt sich wie folgt: Aktiengesellschaften, Limiteds, Sociétés anonymes 87 Unternehmungen mit 294 Mill. M.; G.m.b.H., Syndikate, Verbände 279 Unternehmungen mit 87 Mill. M.; Kolonialgesellschaften 36 Unternehmungen mit 119 Mill. M; Kiautschou 7 Unternehmungen mit 103 Mill. M. Unter den G.m.b.H. befanden sich im Jahre 1912 nicht weniger als 79 Diamantenunternehmungen in Deutsch -Südwestafrika mit einem Kapital von 29,9 Mill. M. Hiervon arbeiteten 9 Unternehmungen mit, einer Rente. Als unrentabel bekannt arbeiteten im Jahre 1912 21 G.m.b.H. Bei den übrigen Unternehmungen war nicht immer das Ergebnis bekannt. Unter den Aktiengesellschaften warfen im Jahre 1912 32 Unternehmungen mit einem Kapital von 150 Mill. M eine Dividende ab. Die Zahl der rentabel arbeitenden Kolonialgesellschaften ist 19 mit 58 Mill. M Kapital. Ein Teil der kolonialenE. arbeitet deshalb unrentabel, weil es sich hierbei von vornherein um unsolide Gründungen handelt, die derart mit Gründergewinnen belastet sind, daß eine Rente kaum zu erzielen ist. Die Kolonialverwaltung ist bestrebt, die unsoliden Gründungen nach Möglichkeit zu verhindern und hat in der "Stän digen Wirtschaftlichen Kommission" (s.d.) die Frage beraten lassen. Die Verhandlungen schweben noch.

Literatur: "Die deutschen Schutzgebiete in Afrika und der Südsee", amtliche Jahresberichte hrsg, vom Reichs -Kolonialamt (Vgl. Mittler & Sohn, Berlin). - Jöhlinger, Deutschlands Kolonialwirtschaft, Übersichten in der "Kolonialen Rundschau".. - Hupfeld, Die Erwerbsgesellschaften in den deutschen Kolonien, Koloniale Rundschau 1913, Heft 10.

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