Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 519

Eingeweidewürmer des Menschen spielen in den Tropen und Subtropen eine weit wichtigere Rolle unter den Krankheitsursachen des Menschen als bei uns. Besonders die Eingeborenen sind in manchen Gegenden durchweg damit behaftet, ja, nach einer Statistik aus Tonkin beherbergt dort durchschnittlich jeder Eingeborene nicht nur eine Wurmart, sondern deren zwei bis drei verschiedene gleichzeitig. Hierzu kommt noch, daß in den Tropen nicht nur die auch bei uns häufigen, mehr oder weniger harmlosen Wurmarten sämtlich vertreten sind, sondern noch dazu eine ganze Reihe anderer für den Organismus recht gefährlicher (Ankylostomum, Bilharzia, Leber-, Darm- und Lungenegel), die zum Teil im Darmkanal, zum Teil auch in anderen Organen schmarotzen. - Der Grund für die Häufigkeit der E. in den warmen Ländern liegt einerseits darin, daß das Klima solchen Wurmarten, die außerhalb des menschlichen Körpers heranreifen, günstigere Bedingungen bietet, und andererseits in den vielfach vorhandenen schlechteren hygienischen Zuständen in bezug auf allgemeine Sauberkeit und Trinkwasser und in dem Fehlen einer Fleischbeschau. Über die speziell in unseren deutschen Kolonien wichtigsten Wurmarten ist unter den Stichworten Ankylostomum, Bilharzia, Filarien und Guineawurm nachzulesen; hier sollen nur einige Worte über die Verbreitung der auch bei uns zu Hause vorkommenden Wurmarten in den Tropen und die Vorbeugungsmaßregeln dagegen gesagt werden. - Sehr verbreitet ist in den Tropen und Subtropen (besonders China) und vielfach auch in unseren Kolonien der Spulwurm (Ascaris lumbricoides). Wenn der eine Spanne und darüber groß werdende, in seiner Körperform einem großen Regenwurm ähnliche Parasit, massenweise - es können mehrere hundert sein - im Darm schmarotzt, was in den Tropen häufiger als bei uns der Fall ist, so kann er recht schwere Krankheitsbilder, wie dysenterieartige Anfälle, unstillbares Erbrechen, allgemeinen Kräfteverfall und mannigfache nervöse Störungen hervorrufen; in manchen Fällen nimmt das Krankheitsbild die merkwürdigsten Formen an. Geraten die Spulwürmer, was nicht allzu selten ist, in die Leber, so können sie dort zu Abszessen führen. Nächst den Eingeborenen sind die europäischen Kinder, die ja auch bei uns vielfach an Spulwürmern leiden, der Infektion ausgesetzt: nach einer Abtreibungskur, die recht einfach ist, verschwinden oft alle vordem unerklärlichen Krankheitssymptome. - Der schon in Deutschland sehr häufige Peitschenwurm (Trichocephalus trichiurus) wird in den Tropen noch viel öfter im Darm des Menschen gefunden. Im allgemeinen ist er bei mäßiger Anzahl ein ziemlich harmloser Parasit, doch sind Fälle berichtet, bei denen die Infektion eine so hochgradige war, daß sie tödlich endete; auch dieser Wurm kann hartnäckige dysenterieartige Durchfälle verursachen. - Dann wäre der ebenfalls, in den warmen Ländern stellenweise stark verbreitete (ja auch bei unseren heimischen Kindern nicht seltene) Spring-, Maden- oder Afterwurm (Oxyuris vermicularis) zu nennen, auf den man durch starkes Jucken am After aufmerksam wird. Man erkennt den etwa 1 cm langen, blendend weißen Madenwurm ohne weiteres im Kote, während bei den anderen oben beschriebenen Arten der Arzt bei Wurmverdacht die Diagnose in der Regel durch mikroskopische Untersuchung des Kotes auf Wurmeier sicherstellt. - UM sich vor der Infektion, mit den oben genannten und manchen anderen Wurmarten zu schützen, hüte man sich vor dem Genuß von nicht einwandfreiem Trinkwasser in unabgekochtem Zustande, und ebenso vor dem Essen ungeschälter roher Früchte; vor dem Schälen reibe man die Früchte mit einem sauberen Tuche sorgsam ab, und berühre die geschälte Frucht möglichst wenig mit den Fingern. Sind Früchte, wie z. B. Erdbeeren, nicht schälbar, so ist vor deren Genuß in ungekochtem Zustande gar nicht dringend genug zu warnen; man kann sich damit nicht nur Eingeweidewürmer, sondern auch Ruhr, Typhus, Cholera und andere lebensgefährliche Krankheiten zuziehen. In noch höherem Maße gilt dies vom Blattsalat, der auch von solchen Europäern, die niemals einen Schluck nicht ganz einwandfreien Wassers in den Tropen zu sich nehmen oder eine ungeschälte Frucht essen würden, verzehrt und für besonders gesund gehalten wird. An und für sich ist ja auch nichts gegen ihn einzuwenden aber gerade dem Blattsalat können wegen seiner großen Flächen zahllose Krankheitskeime anhaften, zumal ihn das küchenmäßige Waschen (selbst wenn es mit einwandfreiem Wasser erfolgen sollte) absolut nicht davon befreit; ebenso macht Essig und Öl den Salat nicht unschädlich. Vergegenwärtigt man sich, daß der Salat gedüngt wird und daß dabei so mancher Schuß Jauche auch über die Blätter geht, so wird man seine Gefährlichkeit, zumal für die Tropengegenden ermessen können: und wo es chinesische Gärtner gibt, wird fast durchweg mit Menschenkot gedüngt. Gegen Salat von Gurken und Tomaten, die ja vor der Zubereitung geschält werden können, gelten diese Bedenken natürlich nicht. - Eine andere Gruppe von ebenfalls bei uns und auch in den Tropen vorkommenden Parasiten wird durch nicht genügend durchgekochtes Fleisch übertragen. Während wir in Deutschland rohen Schinken und meist auch unser "Tartarbeefsteak" ungestraft essen können, dürfen wir in den Tropen nicht vergessen, daß es dort keine geregelte Fleischbeschau wie in unseren heimischen Städten gibt, wohl aber trichinöse Schweine und finnige Schweine. und Rinder. Die Häufigkeit des Bandwurms in Südafrika wird dadurch erklärt. Wenn das Rindfleisch eben noch einen ganz leichten rosa Schimmer hat, so mag es zur Not wohl noch hingehen, wennschon es sicherer ist, es zu braten, bis es durch und durch grau ist; keineswegs aber darf es fast roh und nur an der Oberfläche leicht angebraten verzehrt werden. Nicht untersuchtes Schweinefleisch sollte unter allen Umständen stets gründlich durchgekocht oder durchgebraten werden. Was den in Ostasien vom rein kulinarischen Standpunkte sehr verständlichen Genuß roher Fische anbelangt, so ist davor ebenfalls wegen der Bandwurm- und Leberegelgefahr (Dibothriocephalus und Clonorchis sinensis) zu warnen.

Fülleborn.