Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 491

Ehe der Naturvölker. 1. Geschlechtsgemeinschaft (Promiskuität). 2. Monogamie als älteste Form. 3. Polygamie, Polyandrie, Polygynie. 4. Rangordnung der Ehefrauen, Konkubinat. 5. Ehelosigkeit. 6. Ehehindernisse, Eheverbote. 7. Frauenraub, Brautraub, Kinderverlobung, Werbung, Brautkauf. 8. Eheschließung, Hochzeitsgebräuche. 9. Ehebruch. 10. Ehescheidung.

Die von der Gesellschaft anerkannte dauernde Vereinigung von Personen verschiedenen Geschlechtes zu einer Lebensgemeinschaft tritt bei den Naturvölkern in einer großen Zahl von Formen auf. Eine umfangreiche Literatur behandelt die Fülle von Einzelberichten, doch ist eine nach jeder, Richtung hin befriedigende Darstellung der E. noch nicht gelungen. Unter den mancherlei Gründen hierfür ist zunächst der zu nennen, daß die E. keine einfache Erscheinung des gesellschaftlichen Lebens ist, sondern durch wirtschaftliche, religiöse, physiologische Elemente beeinflußt wird, die das immer noch unzulängliche Material nicht ganz übersehen lassen. Ein weiterer liegt in der Schwierigkeit, ihre Formen als geschichtlich aufeinanderfolgende Stufen zu erkennen; wohl ist ein System möglich, das von einfachen zu verwickelteren aufsteigt, allein hier so wenig wie anderwärts können systematische Zusammenhänge ohne weiteres als entwicklungsgeschichtliche angesehen werden, da einfache Formen zwar am Anfang einer Entwicklung stehen, ebensowohl aber auch Rückbildungen oder aus lokalen Gründen erklärbare Nebenerscheinungen einer hohen Stufe darstellen können.

1. Geschlechtsgemeinschaft. Bezeichnend für die Schwierigkeiten der Beurteilung ist der Streit um die sog. Geschlechtsgemeinschaft (Promiskuität, Hetärismus). Die Hypothese geht davon aus, daß die E. keine ursprüngliche gesellschaftliche Erscheinung darstellt, vielmehr erst auf eine Stufe folgte, in der alle Männer mit allen Frauen desselben Stammes geschlechtlich verkehrten. Diese von Bachofen, Mc Lennan, Morgan, Kohler, Post u. a. vertretene Ansicht stützt sieh auf zwei Gruppen von Quellen:

a) Eine Reihe von Berichten aus dem Altertum und der Neuzeit erzählen von verschiedenen Völkern, bei denen Geschlechtsgemeinschaft besteht. Diese Berichte sind indessen in ihrer Mehrzahl nicht zuverlässig, und wo heute Geschlechtsgemeinschaft vorkommt, fehlt der Beweis, daß sie eine alte Erscheinung ist.

b) Bei einer Anzahl von Völkern bestehen Sitten, die, falls sie als Reste aus einer Frühzeit angesehen werden, als Hinweise auf eine Zeit der Geschlechtsgemeinschaft dienen können. Hierher gehört die Sitte, daß den Unverheirateten freier Geschlechtsverkehr gestattet ist. Freie Liebe herrscht indessen nur bei einer kleinen Zahl von Völkern, die größere fordert die Unberührtheit der Braut, wenn auch unter dem Einfluß der Europäer laxere Anschauungen eingetreten sind. Auch die Sitte, die Neuvermählte den Hochzeitsgästen oder die Frau dem Gastfreunde zu überlassen, das jus primae noctis, das dem Häuptling oder dem Priester bei einzelnen Völkern zustand, ist angeführt worden.

c) Ein weiterer Hinweis wurde von Morgan aus einer eigentümlichen Art der Verwandtschaftsbezeichnung hergeleitet: Bruder, Schwester, Vetter, Base werden als Geschwister, Vater und Mutter mit den Blutsverwandten ihrer Generation als Väter und Mütter bezeichnet, Kinder, Neffen und Nichten als Söhne und Töchter usf. Allein nichts deutet darauf hin, daß mit diesen Bezeichnungen genealogische Beziehungen ausgedrückt werden sollen; wäre es der Fall, so beweisen sie noch nicht die frühere Geschlechtsgemeinschaft.

d) Endlich wird hierher die Entdeckung des Mutterrechtes durch Bachofen gerechnet: Das Kind wird nicht nach dem Vater benannt, sondern nach der Mutter und erbt von ihr Rang und Besitz. Die Sitte indessen kann auf mehrfache Weise erklärt werden. Aus allen diesen Bräuchen ist weder für die Völker, von denen sie berichtet werden, noch für die gesamte Menschheit auf eine Stufe zu schließen, die der E. notwendig vorausging und als Promiskuität zu bezeichnen wäre.

2. Monogamie als älteste Form. Die geringe Schlüssigkeit der zunächst bestehenden Hypothese hat einer zweiten hauptsächlich von Westermarck verfochtenen Geltung verschafft, die von physiologischen und, psychologischen Momenten ausgeht. Faßt man eine mehr oder weniger dauernde Verbindung von Mann und Weib, die von der Zeugung bis nach der Geburt des Kindes währt, als E. auf, so lassen sich dieser Definition entsprechende Verbindungen bereits im Tierreiche nachweisen. Besonders gilt das von den Anthropoiden, die in kleinen aus beiden Eltern und den Jungen bestehenden Sonderfamilien leben. Die lange dauernde Unselbständigkeit der Jungen, bei deren Aufzucht den Eltern verschiedene Aufgaben, dem Vater vor allem die des Schutzes, zufallen, hält die Eltern zusammen, bis die Jungen für sich selber sorgen können. Bei der nahen zoologischen Verwandtschaft des Menschen mit den Anthropoiden, gleichgültig wie sie im einzelnen beschaffen sein mag, steht der Übertragung dieser Beobachtungen auf die frühesten Menschen nichts im Wege: Die Menschen lebten danach in frühester Zeit in Sonderfamilien; auf der Familie beruht demnach die E., die ursprünglich die Einehe war. Für diese Annahme spricht, daß sie gerade bei den niedersten Völkern herrscht, deren ärmliche Wirtschaftsform nur kleinen Familien, nicht aber größeren Stämmen die gemeinsame Existenz ermöglicht, die eine Voraussetzung für die Geschlechtsgemeinschaft bildet. War durch die Wirtschaft und die Ausbildung der Technik die Grundlage für das dauernde Zusammenleben in größeren Verbänden geschaffen, so mochte sich ein Zustand der Promiskuität ausbilden, doch weist Westermarck dieser Vermutung gegenüber auf die Stärke der männlichen Eifersucht hin, die einer solchen Entwicklung sicher nicht günstig war und in der Gegenwart die harte Bestrafung des Ehebruchs, die Forderung der Jungfräulichkeit, die Opferung der Witwe beim Tode des Mannes u.a. erklärt.

3. Polygamie, Polyandrie, Polygynie. Soweit eine Entwicklungsgeschichte der E. überhaupt in Frage kommt, ist demnach an den Anfang der Reihe die Einehe oder Monogamie zu stellen, die heute bei vielen Völkern die einzige, bei anderen neben der Vielehe oder Polygamie die anerkannte Eheform darstellt. Die Polygamie wiederum, der auch die bei monogamischen Völkern aus rechtlichen Gründen besonders unterschiedene Bigamie zuzurechnen ist, kann entweder in der Polyandrie, der E. einer Frau mit mehreren Männern, bestehen oder in der weit häufigeren Polygynie, der E. eines Mannes mit mehreren Frauen, die im gewöhnlichen Sprachgebrauch wegen der Seltenheit der Polyandrie unter Polygamie verstanden wird. Als Grund für die Polyandrie kann zunächst ein zahlenmäßiges Mißverhältnis zwischen den Geschlechtern angesehen werden, mag es auf einem starken Übergewicht der Knabengeburten oder auf Mädchenmord im Kindesalter beruhen. Muß in solchen Gebieten die Frau gekauft werden, so ist es denkbar, daß einer Reihe von Männern die Aufbringung des Kaufpreises schwerfällt. Ein anderer Grund kann in dem Wunsche von Brüdern liegen, ihr Erbe ungeteilt zu erhalten; ein weiterer mag durch den Wunsch des Gatten gegeben sein, seine Frau während längerer Abwesenheit, etwa Handelsreisen, nicht unbeschützt zu lassen. Schließlich ist auch an Wünsche der Frau zu denken. Wird z.B. ein mannbares Mädchen mit einem 5 - 6 jährigen Knaben verheiratet, so lebt die junge Frau mit einem anderen Manne oder mit ihrem Schwiegervater, während ihre in dieser Zeit geborenen Kinder dem jugendlichen Ehegatten zugerechnet werden. - Gründe, für die Polygynie liegen zunächst auf physiologischem Gebiet. Weit verbreitet ist die Sitte, daß der Mann sich des Beischlafes enthalten muß von dem Beginn der Schwangerschaft bis das Kind abgesetzt wird, was oft erst nach 1 - 2 Jahren geschieht, oder sprechen oder laufen kann. Auch das rasche Altern der Frau bei den Naturvölkern läßt es erklärlich erscheinen, daß der Mann nach einer Reihe von Jahren eine junge Frau als zweite heimführt, zumal die erste E. meist früh geschlossen wird und dann die Gatten einander im Alter sehr nahe stehen. Endlich ist der Wunsch des Mannes nach Abwechslung zu berücksichtigen. Eine andere Reihe von Gründen knüpft sich an die Nachkommenschaft. Unfruchtbarkeit der Frau ist selbst bei sonst rein monogamischen Völkern der Grund für eine zweite Eheschließung, gelegentlich wird sie sogar gestattet, wenn die erste Frau nur Töchter zur Welt bringt. Besonders wichtig ist dieser Grund dort, wo den Söhnen die Pflicht zufällt, die Seelen der verstorbenen Vorfahren zu verehren. Jedenfalls bedeuten .mehrere Frauen auch eine größere Zahl von Kindern, die wiederum den Einfluß, das Ansehen und die Macht des Vaters steigern. Endlich führen wichtige wirtschaftliche Gründe zur Polygynie. Der Frau fällt bei den Naturvölkern neben dem Haushalt das Sammeln der pflanzlichen Nahrung, die Bestellung der Felder und die Zubereitung der Früchte zu. Je mehr Frauen ein Mann hat, um so mehr ist auf diesen Stufen, zumal der des Hackbaus die wirtschaftliche Existenz gesichert, um so größer wird auch die Wohlhabenheit der Familie. Das führt wiederum dazu, daß der Besitz einer großen Zahl von Frauen als Zeichen des Reichtums und hohen Ranges angesehen und daher zu einem Vorrecht der Häuptlinge und Vornehmen wird; hinzu kommt, daß auch der Erwerb mehrerer Frauen nur dem Reichen und Angesehenen möglich ist. Umgekehrt führen bescheidene Lebensverhältnisse des Mannes ebenso zur Monogamie wie eine wirtschaftlich oder sozial veränderte Stellung der Frau. Eine einfache Gegenüberstellung von monogamen und polygamen Völkern ist demnach nicht möglich, sondern beide Eheformen kommen der Regel nach nebeneinander vor: Völkern, die die Polygamie überhaupt nicht oder nur unter gewissen Voraussetzungen zulassen, stehen andere gegenüber, bei denen die Monogamie auf die wirtschaftlich Schwachen oder die niederen Stände beschränkt bleibt. Dabei bestehen in der Polygamie Übergangsformen, die als Reste früherer oder als Vorstufen späterer Monogamie gedeutet werden mögen. Sie beruhen auf Verschiedenheiten des Ranges und der Rechte.

4. Rangordnung der Ehefrauen, Konkubinat. Wo Polyandrie vorkommt, wird berichtet, daß meist der zuerst geheiratete Gatte als Hauptgatte angesehen wird, wo Polygynie herrscht, besteht eine Rangordnung der Frauen. Bei vielen Völkern wird verlangt, daß die erste Frau aus einer ebenbürtigen Familie stammt, sie wird als Hauptfrau angesehen und hat den späteren gegenüber bestimmte Vorrechte. Anderwärts bestimmt die Geburt des Stammhalters, besondere Fruchtbarkeit, Bevorzugung durch den Mann u.a. die Hauptfrau. Die übrigen Frauen sind ihr im Range nachgeordnet, oft auch bei wirtschaftlichen Arbeiten untergeben. Die Stellung der Nebenfrauen ist dabei nach ihrer Herkunft, ihrer Fruchtbarkeit, dem Erbrecht ihrer Kinder u.a. verschieden, so daß eine Unterscheidung von E. und Konkubinat nicht immer leicht ist. In mohammedanischen Ländern sind auch die Kinder einer Sklavin legitime, bei den Basutos kann ein Mann sich als Witwer bezeichnen, der nach dem.Tode seiner Hauptfrau keine seiner Nebenfrauen zu diesem Range erhoben hat. In China darf der Mann zwar bei Lebzeiten seiner Hauptfrau keine neue E. eingehen, aber Konkubinen in sein Haus nehmen; gebären sie Kinder, so haben sie gewisse Rechte, bleiben sie kinderlos, so dürfen sie z.B. nicht im Hause ihres Herrn sterben. Von den Massai wird anderseits berichtet, daß- der Verheiratete 5 - 6 Ehefrauen, der Reiche außerdem Nebenfrauen (z.B. Witwen, die nicht wieder heiraten dürfen) hat, mit denen er nicht rechtlich verheiratet ist. Soweit in polygynen Gebieten Unterschiede bestehen, gibt es demnach vollberechtigte, ebenbürtige Ehefrauen, Nebenfrauen minderen Rechtes und meist auch Standes, endlich außerehelich mit dem Manne verbundene Frauen (Konkubinen). Indessen sind die Grenzen nicht immer scharf, und die Konkubine kann durch ihre Fruchtbarkeit, vielleicht auch durch Verjährung, eine rechtliche Erhöhung erhalten.

5. Ehelosigkeit. Bei allen Naturvölkern ist die Eheschließung die Regel, die Ehelosigkeit die Ausnahme. Immerhin können körperliche Fehler des Mädchens dazu führen, daß es gar nicht zur E. begehrt wird oder sich mit der Stellung einer Nebenfrau oder Konkubine begnügen muß; dem Manne kann seine Armut die Ehelosigkeit während längerer oder kürzerer Zeit auferlegen, wenn die Zahl der Frauen gering, der Brautpreis hoch ist; soweit Altersklassen (s.d.) bestehen, wird von dem Junggesellen die E. erst in einem gewissen Alter geschlossen, nachdem er mehrere Jahre als Krieger der Gemeinschaft gedient hat. Selten ist unter Naturvölkern die Ehelosigkeit aus religiösen Gründen, die den buddhistischen Mönchen und den Priestern in China auferlegt wird.

6. Ehehindernisse, Eheverbote. Unter den Ehehindernissen steht beider großen Mehrzahl der Völker die nahe Verwandtschaft in erster Linie. - Eine Minderzahl von Völkern gestattet die E. innerhalb des Stammes oder der ferneren Blutsverwandtschaft, einzelne auch zwischen Bruder und Schwester. Dieser Endogamie steht als Regel die Exogamie gegenüber, d.h. die Vorschrift, die E. mit dem Mitgliede eines fremden Stammes oder Stammteiles zu schließen. Der Umfang, in dem Verwandtenehen verboten sind, ist verschieden. Geschwisterehen werden von Häuptlingen aus Bagirmi, Polynesien u. a. berichtet, während sie im Volke nicht stattfanden, anderwärts sind E. von Halbgeschwistern erlaubt oder von Geschwisterkindern, einige Völker verbieten dagegen E. zwischen Verwandten dritten und selbst siebenten Grades. Weitere Ehehindernisse ergeben sich mitunter aus sog. künstlicher Verwandtschaft. So wird z.B. die E. von Milchgeschwistern oder der Geschwister von Männern, die Blutsbrüderschaft (s.d.) geschlossen haben, als Blutschande angesehen. Zwischen natürlicher und künstlicher Blutsverwandtschaft stehen die Ehehindernisse, die mit dem Totemismus (s.d.) zusammenhängen. Ein Mann eines bestimmten Totems darf kein Mädchen des gleichen Totems heiraten, mag in unserem Sinne eine engere Blutsverwandtschaft bestehen oder nicht. Wie streng diese Vorschrift eingehalten wird, ergibt sich daraus, daß z.B. in Neumecklenburg ein Mann sich von dem Verdachte des Ehebruches völlig reinigen kann, wenn er nachweist, daß das Weib seinem Totem angehört; ein solcher Ehebruch wäre Blutschande und daher so unerhört, daß man ihn für völlig ausgeschlossen hält. Endlich können auch angeheiratete Verwandte von der E. ausgeschlossen sein; so wird die Heirat mit einem Angehörigen des Schwagers oder der Schwägerin oder die E. eines Mannes mit Schwestern verboten usw. Wie die E. so ist auch der Geschlechtsverkehr zwischen allen genannten Stufen und Gruppen untersagt, und die Strafen für eine Verletzung der Sitte sind hart. Meist steht Todesstrafe auf Blutschande, vielfach Ächtung. Endlich ist die Anschauung zu erwähnen, nach der auch E. zwischen gleichnamigen Personen verboten sind; ihr mag die Vermutung einer Verwandtschaft zugrunde liegen. - Die Erklärung des Eheverbotes zwischen tatsächlich oder durch ein System künstlich Verwandten steht noch aus. Man hat versucht, die Exogamie aus dem gewohnheitsmäßigen Frauenraub herzuleiten oder sie durch den politischen Vorteil zu erklären, der sich aus der Verknüpfung zweier Gemeinschaften durch dauernde Wechselheiraten ergeben mußte. Auch ein Abscheu gegen Blutschande wird herangezogen. Allein die Inzucht (s. d.) ist an sich nicht schädlich, sondern kann es nur 'unter gewissen Umständen und bei langer Dauer werden; man verlangt zu viel von dem primitiven Menschen, wenn man glaubt, er habe die Fähigkeit zu Beobachtungen und Schlüssen gehabt, die ihn zu einem solchen Verständnis der Inzucht führen mußten. Die Annahme eines Instinktes, der vor Blutschande warnt, ist nicht sehr beweiskräftig; die Vermutung, zwischen gemeinsam Aufgewachsenen sei die geschlechtliche Neigung schwach oder überhaupt selten, führt nicht viel weiter.

7. Frauenraub, Kinderverlobung, Brautkauf. Die Frau kann durch Raub oder nach einer vorangegangenen Verständigung gewonnen werden. Frauenraub ist bei jeder Fehde möglich, der Sieger gewinnt dadurch Arbeiterinnen für seinen Haushalt oder seine Wirtschaft. Allein es steht dahin, ob die Geraubten von den Männern zu Ehefrauen bestimmt sind oder im Laufe der Zeit erwählt werden. Theoretische - Bedeutung erhielt der Frauenraub erst in Verbindung mit der Exogamie, als H. Spencer die Hypothese aufstellte, der Besitz einer geraubten Ehefrau steigere das Ansehen des Mannes, daher sei man allgemein zum Frauenraube übergegangen, so daß. es schließlich Sitte wurde, Ehefrauen nur aus fremdem Stamme zu nehmen. Eine scheinbare Stütze für die angenommene Bedeutung des Frauenraubs wird in der noch bestehenden Sitte des Brautraubes (s.d.) gefunden. Allein diesem "Brautraub" geht heute die Verständigung voraus, daher ist es schwer, aus dem "Raube" Rückschlüsse auf frühere Zustände zu ziehen, und ein wirklicher Raub bleibt heute auf die Fälle beschränkt, in denen die Einwilligung der Brauteltern nicht zustande kam. -Die Wahl des Gatten wird vielfach durch die Eltern beschränkt, so bei den Kinderverlobungen. In Westafrika und Neuguinea werden Mädchen schon bald nach der Geburt verlobt, und bei den Buschmännern kommen Verlobungen. zustande für den Fall, daß ein noch ungeborenes Kind ein Mädchen wird. Der Regel nach hat jedoch das mannbare Mädchen durchaus das Recht, seine Wünsche zur Geltung zu bringen. Auf der anderen Seite ist auch der Mann nicht völlig frei in seiner Wahl. Mitunter bestimmt der Vater i hm die Hauptfrau, und wo die Sitte freien Verkehr der Geschlechter vor der E. gestattet, ist der Jüngling durch die Sitte gebunden, das Mädchen zu ehelichen, mit dem er ein Kind zeugte. Wenn die Eltern nicht aus wirtschaftlichen oder aus Gründen der Familienpolitik die E. bestimmen, gründet sie sich auf die Neigung und auf praktische Erwägungen, wobei das Mädchen Fürsorge für sich und ihre Kinder, der Mann Tüchtigkeit in allen Frauenarbeiten und Fruchtbarkeit erwartet. Ist die Verständigung zwischen Jüngling und Mädchen erfolgt, die übrigens der Regel nach von dem Manne eingeleitet wird, während nur bei wenigen Völkern das Mädchen zu einem Antrage berechtigt ist, so muß die Verständigung mit den Eltern erfolgen. Der Mann stellt sich den Eltern des Mädchens selbst vor oder sendet einen Verwandten als Freiwerber. Wird er angenommen, so beginnen die Verhandlungen, bei denen bestimmt wird, welche Leistung der Mann aufzubringen hat, um das Mädchen zu erlangen. Hin und wieder kann er die Braut erhalten, wenn er eine Blutsverwandte im Tausch an einen ihrer Blutsverwandten verheiraten kann. Weitaus die häufigste Form ist jedoch der Brautkauf, dem der Gedanke zugrunde liegen dürfte, daß die Familie der Braut für den Verlust einer Arbeitskraft entschädigt werden muß. Je nach den Anschauungen wird für eine Jungfrau mehr gezahlt oder weniger, als für eine Witwe oder Geschiedene, je nachdem man früheres Eheleben und Vertrautheit mit Frauenarbeiten in den Vordergrund stellt oder nicht. Der Kaufpreis besteht in Vieh, Geld, Schmuck, Gerät usw. oder in Arbeiten, die der Bräutigam während einer gewissen Zeit unentgeltlich in der Familie der Braut leistet. Die Verhandlungen werden meist mit großer Zähigkeit geführt und enden gelegentlich mit einer Entführung, nach der die Bestimmung des Brautpreises in den Händen des Entführers liegt. Bei höherstehenden Völkern erwirbt der Mann auch nicht nur das Mädchen, sondern auch deren Privateigentum, sofern ihr nicht etwa als Aussteuer ein bestimmter Besitz von der Familie mitgegeben wird.

8. Die Eheschließung kann in der einfachsten Weise erfolgen. - Hat sich der Mann mit dem Mädchen verständigt und haben dessen Eltern eingewilligt, so genügt ein längeres Zusammenleben beider, um sie bei gewissen Stämmen von Neuguinea und den Salomoninseln als Eheleute gelten zu lassen. Hochzeitsgebräuche, wie der zum Schein ausgeführte Brautraub, die symbolische Zahlung eines Brautpreises an die Brauteltern dürften erst allmählich entstanden sein. Zu den ältesten dagegen sind die Bräuche zu rechnen, die symbolisch den Geschlechtsverkehr oder das Zusammenleben oder die Unterwerfung der Frau unter die Gewalt des Mannes darstellen. Ganz besonders weit verbreitet und im letzten Grunde wohl auf zauberische Vorstellungen zurückgehend ist die gemeinsame Mahlzeit. Sie kann in dem gemeinsamen Ver zehren einer Schüssel voll Nahrungsmittel, dem Trinken aus einem Becher usw. bestehen oder durch die Teilnahme der beiderseitigen Familien oder des ganzen Dorfes zu einer allgemeinen Schmauserei werden. Ursprünglich erscheint die E. als Privatangelegenheit der Beteiligten und ihrer nächsten Angehörigen; die Mitwirkung des Häuptlings, an dessen Erlaubnis die Eheschließung geknüpft sein kann, oder eines Priesters, sind spätere Zutaten, die durch die wachsende Bedeutung der E. für die Gesamtheit, die Ausbildung der Priestermacht und der religiösen Vorstellungen erklärt werden können.

9. Ehebruch. An den Brautkauf knüpft sich die Vorstellung, daß die Frau aus der Gewalt ihrer Familie in den Besitz des Mannes übergeht. Streng genommen kann daher der Gatte keinen Ehebruch begehen, wohl aber die Gattin. Der Ehebrecher wird aus diesem Gedankengange heraus in einzelnen Gebieten Afrikas als Dieb durch Abhacken einer Hand oder beider bestraft. Anderwärts muß er dem geschädigten Ehemanne den Brautpreis ersetzen oder eine Buße zahlen, in Neuguinea verwirkt er das Leben. Wieder andere Strafen scheinen dazu bestimmt, ihn bloßzustellen, so das Rasieren des Kopfhaares, das Abschneiden der Ohren, das Ausstechen eines Auges usw.-; endlich kann die Strafe auch seine eigene Ehefrau treffen, die man als Ursache seines Verbrechens ansieht. Die untreue Ehefrau dagegen wird sehr oft getötet oder* zu ihren Eltern zurückgeschickt; behält sie der Ehemann, so wird sie schlecht behandelt oder durch Abschneiden der Nase verstümmelt, damit kein zweiter Mann sich in sie verliebt.

10. Ehescheidung. Die Dauer der E. ist sehr verschieden. Sie wird nicht notwendig für Lebenszeit geschlossen, und die Ehescheidung ist nahezu bei allen Völkern bekannt. Eine E. auf Probe kann schon nach Tagen aufgelöst werden; in den Karolinen kommt es vor, daß Ehemänner kurz nach der Hochzeit ihre Ehefrau fortweisen; in Samoa pflegt die Frau, die nur um wirtschaftlicher Vorteile und der Hochzeitsfestlichkeiten willen geheiratet wurde, ihren Ehemann sehr bald zu verlassen. In Neuguinea und den Salomoninseln dagegen sind Ehescheidungen seltene Ausnahmen. In China kann der Mann aus sieben verschiedenen Gründen - darunter Unfruchtbarkeit und Kränklichkeit, aber auch Schwatzhaftigkeit und mangelnde Ehrerbietung gegenüber den Schwiegereltern - die Scheidung vollziehen; das mohammedanische Gesetz verbietet dem Manne die Scheidung aus Laune. Es steht dahin, wie weit solche Verbote eingehalten werden. Allein nicht nur der Mann ist berechtigt, sich von der Frau zu scheiden, auch die Frau hat bei vielen Völkern das gleiche Recht, zumal wenn sie höheren Ranges als der Ehemann ist. Auf den Marianen und bei einzelnen Stämmen von Neuguinea kann die E. auf Wunsch des einen oder des anderen Gatten geschieden werden. Die Gründe für Scheidung durch den Mann sind zum Teil dieselben, die ihn zur Polygynie veranlassen: Der Wunsch nach Abwechslung, das frühe Altern der Frau, ihre Unfruchtbarkeit oder geringe Arbeitsleistung usw. Die Geburt von Kindern ist nicht immer ein Hindernis für die Scheidung; da aber die E. der Regel nach um der Nachkommenschaft willen geschlossen wird, so sind die Kinder doch ein festes Band zwischen den Eltern. Findet trotzdem eine Scheidung statt, so gehören die Kinder mitunter dem Vater (Seengebiet Ostafrikas); anderwärts verbleiben sie der Mutter (Neuguinea). Die Teilung kommt auch so vor, daß (Samoa) die jüngeren Kinder bei der Mutter, die älteren beim Vater bleiben; endlich wird die Teilung nach dem Geschlecht berichtet. Im Geltungsbereich der Kaufehe ist das wirtschaftliche Band ein wichtiges Bindemittel zwischen den Gatten. Scheidet sich der Mann hier von seiner Frau, so muß er, meist das Eingebrachte, mitunter auch einen Anteil der Errungenschaft herausgeben; den gezahlten Kaufpreis erhält er von den Eltern der Frau nur zurück, wenn sie unfruchtbar, treulos war oder einen ernsthaften Grund bot. Eine ungerechte Scheidung bedeutet daher für den Mann einen Kapitalverlust. Geht dagegen die Scheidung von der Frau aus, so erstattet ihre Familie den Kaufpreis an den Ehemann. War der Kaufpreis hoch, so wird die Familie allerdings der Scheidung nicht günstig sein und die Ehefrau ihrem Gatten zu erhalten suchen. Über die Eheverhältnisse im Islam s. Scheria.

Literatur: J. J. Bachofen, Das Mutterrecht. Stuttg. 1861. - A. Bastian, Die Rechtsver hältnisse bei verschiedenen Völkern der Erde. Berl. 1872. - F. v. Hellwald, Die menschliche Familie. Lpz. 1889. - Ch. Letourneau, L'évolution du marriage. Paris 1888. - J. Lippert, Die Geschichte, der Familie. Stuttg. 1884. - J. F. Mc Lennan, The Patriarchal Theory. London 1885. - L. H. Morgan, Ancient Society. London 1877. - A. H. Post, Die Geschlechtsgenossenschaft der Urzeit und die Entstehung der Ehe. Oldenburg 1875. H. Spencer, The Principles of Sociology. London 1885. - E. Westermarck, The History of Human Marriage. London 1904.

Thilenius.