Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 86 f.

Ärztliche Mission. Die gesamte Wohlfahrtspflege, die von der evangelischen Mission den kranken Menschen in nichtchristlichen Ländern zugewandt wird, wird mit dem Wort "Ärztliche Mission" (Medical Mission) umspannt. Der Umstand, daß es in England geprägt worden ist, bringt die Tatsache zum Ausdruck, daß dieses Land neben Amerika zuerst die Wichtigkeit dieses Arbeitsgebietes erkannt und es in Angriff genommen hat. Die durch den Edinburger Weltmissionskongreß 1910 veranlaßten statistischen Erhebungen haben festgestellt, daß 1908 982 ausgebildete Ärzte (641 Männer, 341 Frauen) im Dienst der evangelischen Mission standen. Inzwischen ist die Zahl Ende 1911 auf 1109 gestiegen, darunter befanden sich nur 19 deutsche Missionsärzte. Die Evangelische Mission, die die Liebestätigkeit an Kranken überall als ein wesentliches Stück ihrer Aufgaben betrachtet, sah sich zur planmäßigen Ausgestaltung dieses Arbeitszweiges veranlaßt: Durch die Pflicht, für die Gesundheit der europäischen Missionare in den Tropen zu sorgen; durch die Beobachtung großer Krankheitsnot bei den Eingeborenen aller Länder; durch die Notwendigkeit, die eingeborenen Christen gegen den Einfluß heidnischer Ärzte d.h. Zauberer zu schützen. Alle missionsärztlichen Veranstaltungen der evangelischen Mission dienen, ohne Unterschied der Rasse und der Religion, jedem Hilfsbedürftigen. Nach den amtlichen Medizinalberichten für die deutschen Kolonien für 1911 befanden sich daselbst: 123 Regierungs- und Militärärzte, 7 Missionsärzte, 4 Bahnärzte, 4 Privatärzte, d.h. insgesamt 138 Ärzte. Trotzdem besteht ein dringendes Bedürfnis nach Vermehrung der Ärzte, da eine angemessene ärztliche Versorgung der Bevölkerung durch sie nicht erreicht werden kann, teils weil sie auf den Regierungs- und Militärstationen zusammengedrängt sind, teils weil Epidemien wie die Schlafkrankheit (s.d.) außerordentliche Maßnahmen erfordern, teils weil die Eingeborenen in wachsendem Umfang den europäischen Arzt aufsuchen. Da eine erhebliche Vermehrung der beamteten Ärzte ebensowenig zurzeit zu erwarten ist wie eine Steigerung der Privatärzte, so bietet sich die Mission als Mitarbeiter an, übt Krankenpflege, bildet Heilgehilfen aus, unterhält Hospitäler, verteilt Heilmittel. Nach vereinzelten missionsärztlichen Unternehmungen in früheren Zeiten waren es in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts vor allem die Kreise der Basler Missionsgesellschaft (s.d.), die dieser Arbeit tatkräftiges Interesse entgegenbrachten. 1898 wurde unter der Führung des Großkaufmanns Dr. Paul Lechler der "Verein für ärztliche Mission in Stuttgart" begründet, nach dessen Vorbild sich im übrigen Deutschland 11 andere Vereine gebildet haben, die sich dann zu einem "Verband der deutschen Vereine für ärztliche Mission" zusammenschlossen. Ihr Zweck ist, die für die Aussendung von Ärzten notwendigen Mittel zu beschaffen. S. Deutsches Institut für ärztliche Mission. Stand der ärztlichen Mission im Jahre 1911: a) Deutsch-Ostafrika: Berliner Mission 1 Arzt in Kidugala; Leipziger Mission 1 Arzt in Madschame; Church Missionary Society 2 Ärzte, in Mamboia und in Kikuyu; Universitätenmission 1 Arzt in Magila-Msalabani. Außer den von diesen Ärzten versorgten Hospitälern wird das Irrenasyl Lutindi von dem Evang. Afrikaverein geleitet. An der Fürsorge für Lepra-Kranke ist die evang. Mission in der Weise beteiligt, daß die Brüdergemeine 5 Lepradörfer, die Berliner Mission 4 Leprosorien und die Bielefelder Mission 1 Anstalt in Pflege hat. - b) Kamerun: Die Amerikanischen Presbyterianer haben 2 Ärzte, in Efulen und Lolodorf. Das Krankenhaus der Basler Mission in Bonaku war 1911 ohne Arzt. - c) Togo hat keinen M.arzt. - d) Deutsch-Südwestafrika: Die Finnische Mission hat in Oniipa eine Missionsärztin stationiert. - e) Auf den Marshallinseln ist ein Missionar des American Board zugleich Arzt. - f) In Kiautschou (Tsingtau) ist ein Arzt des Allgemeinen evangelisch-protestantischen Missionsvereins angestellt. Insgesamt stehen im Dienst der evangelischen Mission 10 Ärzte und 27 medizinisch geschulte Missionare, in 10 Missionshospitälern, 32 Polikliniken, 10 Aussätzigenasylen, 1 Irrenasyl werden 73300 Kranke verpflegt. S.a. die die einzelnen Missionen betr. Artikel.

Literatur: H. Feldmann, Die Ärztliche Mission unter Heiden und Mohammedanern. Basel 1905. - G. Olpp, Die ärztliche Mission und ihr größtes Arbeitsfeld, I. Barmen 1909. C. Mirbt, Mission und Kolonialpolitik in den deutschen Schutzgebieten. Tübing. 1910, S. 159-173 (Übersicht über die ärztliche Mission in den deutschen Kolonien). Haußleiter, Die Bedeutung der ärztlichen Mission in den deutschen Kolonien: Verhandlungen des III. deutschen Kolonialkongresses zu Berlin 1910, S. 746-757. - P. Lechler, Die ärztliche Mission und ihre Bedeutung für die kulturelle Entwicklung unserer Schutzgebiete. Berlin 1910. - C. Mirbt, Die Frau in der deutschen ev. Auslandsdiaspora und der deutschen Kolonialmission. Marburg 1912. - Olpp, Stand und Bedeutung der ärztlichen Mission in den deutschen Schutzgebieten. KolRundsch. 1912, 10. H., 596-616. - S. Missionsschwestern, Missionszeitschriften.

Mirbt.